Sonntag, 19. Juni 2016

Verfehlte Erwartungen und Arbeitslosigkeit im Euroraum

Die Arbeitslosenquote (April 2016: 10,2%) mag in Europa zuletzt gesunken sein (April 2015: 11,0%). Aber es gibt immer noch 21,2 Millionen Männer und Frauen ohne Job in der EU28. Und die Zahl der arbeitslosen 15-24-jährigen beläuft sich per April auf 4,3 Millionen Personen. Warum?

Weil die Wirtschaft unter ihrem Potenzial wächst. Das heisst, dass es eine Produktionslücke (output gap) gibt. Die Menschen haben grosse Mühe, eine neue Stelle zu finden, wenn sie arbeitslos werden.

Es gibt nach dem Lehrbuch mehrere Faktoren, die dazu beitragen, dass das Potentialwachstum einer Wirtschaft erhöht wird; wie z.B. durch bessere Bildung und Gesundheit, mehr Investitionen, Steuerpolitik usw.

Eine Möglichkeit ist aber sicher, wenn man dafür sorgen will, dass die Wirtschaft ihr Potential voll verwendet und die Menschen damit wieder eine feste Arbeit haben und ihren Lebensunterhalt verdienen: Ausgaben (spending).

Doch die EU-Behörden schreiben vor, die Gürtel überall in der Wirtschaft enger zu schnallen. Im Ergebnis sparen alle Sektoren gleichzeitig: Die privaten Haushalte, Unternehmen und die öffentliche Hand. Nur das Ausland soll Schulden aufnehmen und unsere Güter und Dienstleistungen kaufen. Und das ist praktisch, wie die Wirtschaftspolitik der EU-Behörden heute kurz zusammengefasst aussieht.


Europas wachstumsdämpfende Austeritätspolitik, Graph: Brad DeLong in: „The Confidence Fairy in Historical Perspective“, June 17, 2016.


Dass das ein sehr gefährliches Konzept ist (Stichwort: hohe Arbeitslosigkeit und politische Instabilität), liegt auf der Hand, wenn man nur den Aufstieg der rechtspopulistischen Parteien in Europa beobachtet.

Die EZB bemüht sich zwar, mit der akkommodierenden Geldpolitik, die Nachfrage anzukurbeln. Es gelingt ihr aber bisher nicht, die Erwartungen so zu steuern, dass die Inflationsrate nahe dem Zielwert von „knapp unter 2%“ kommt. Die Inflation lag im Euro-Raum in den letzten 10 von 18 Monaten auf null oder unter null.

Die Notenbanken können heute kein Wachstum bringen. Die Regierungen sollten die Fiskalpolitik einsetzen, sagt Philipp Hildebrand, der frühere SNB-Präsident in einem lesenswerten Interview in Die Presse unumwunden.

Auch Mario Draghi hat in den vergangenen vier Monaten in öffentlichen Referaten mehrmals den Einsatz von Fiskalpolitik gefordert, ohne mit der Wimper zu zucken, weil die Geldpolitik (konventionell und/oder unkonventionell) an der Nullzins-Grenze (zero lower bound) an Wirksamkeit verliert (Stichwort: Liquiditätsfalle).

Warum wird aber Haushaltskonsolidierung im Euro-Raum immer noch gross geschrieben, nach dem Motto „koste es was es wolle“, selbst wenn die Renditen immer tiefer in den Negativ-Bereich abrutschen? Warum ignorieren die EU-Behörden über 21 Millionen arbeitslose Menschen, um bloss den Haushalt in einer Depression ausgeglichen („schwarze Null“) zu halten?

Wenn es sein muss, soll das Helicopter Money her, um für Mehrausgaben (deficit spending) zu sorgen. Gegenwärtig werden immer mehr Staatsanleihen mit Negativ-Renditen gehandelt werden. Das heisst, dass die Märkte danach schreien, dass die öffentliche Hand Geld aufnimmt und investiert (z.B. in Infrastrukturprojekte).

Das Signal, das die Anleihemärkte heute senden ist, eindeutig: Die Erhöhung der Staatsausgaben löst derzeit keine Inflation aus. Ein Blick auf die Laufzeitprämie für Staatsanleihen zeigt, dass die Anleihe-Investoren auf lange Sicht keine Extra-Rendite (*) wünschen. Denn das sog. Term Premium ist durchwegs negativ: In den USA: -0,6%, in Deutschland: -1,6% und in Japan: -1,7%.

Währenddessen nimmt die Kaufkraft der Verbraucher in Europa weiter ab, besonders prägnant ist die Entwicklung seit der Finanzkrise von 2008.



Abnehmende Kaufkraft der Konsumenten in Europa im Vergleich zu den USA, Graph: Morgan Stanley

Und die Dauerbeschäftigung verliert an Dynamik: Die Anzahl der temporär beschäftigten Menschen nimmt dramatisch zu. Heute beträgt der Durchschnitt nach Angaben von Morgan Stanley mehr als 15%.


Die steigende Anzahl der temporären Arbeitnehmer im Euro-Raum, Graph: Morgan Stanley

Es ist kurzum eine schlechte Idee, (v.a. in Europa) davon auszugehen, dass die Arbeitslosenquote konstant bleibt. Je länger die Behörden daran glauben, dass die Arbeitslosigkeit fällt, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Blatt sich wendet (Stichwort: Hysterese-Effekt), d.h. dass die Arbeitslosigkeit steigt.





(*)

Term Premium (Laufzeitprämie) ist die Extra-Rendite, die die Anleger fordern, um eine langfristige Anleihe statt einer kurzfristigen Anleihe zu kaufen (bzw. zu halten). Hier ist die aktuelle Erklärung von Janet Yellen, der Fed-Präsidentin vom 15. Juni 2016 dazu.











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